Auszug aus "Deutscher Drucker"
Service mit großem "Rückhalt"
Service und Wartung
Als Folge des schrumpfenden Neumaschinengeschäftes im Rollenoffsetmarkt werden Servicedienstleistungen für die Druckmaschinenhersteller immer wichtiger. Die KBA—Tochter Printhouseservice GmbH (PHS) wurde 2012 gegründet, um Personaldienstleistungen anzubieten. Die Entwicklungen bei anderen Marktteilnehmern haben PHS ein weiteres Aufgabenfeld eröffnet: Den Service für Druckmaschinen jenseits der installierten KBA-Technik.
Heute sind viele Maschinenbauer "Lösungsanbieter" und zum Leistungspaket gehört alles, was der Kunde braucht, um die Maschine über die komplette Lebensdauer wirtschaftlich zu betreiben. Zum Beispiel Personal. Zu den ersten Aufgaben der Ausgründung "Printhouseservice" zählte die Arbeitnehmer-Überlassung - etwa von Wartungspersonal - und andere Personaldienstleistungen.
Als Folge der Konzentrations-Tendenzen in der Branche sah sich das Würzburger Unternehmen aber zunehmend mit dem Wunsch nach Service-Dienstleistungen jenseits der installierten KBA-Basis konfrontiert.

SUCHE NACH ALTERNATIVEN. Wir erinnern uns: Wifag gab seine Produktion in Bern 2010 auf und zog unter ein Dach mit der Schwesterfirma Polytype. Manroland musste 2011 durch ein lnsolvenzverfahren, wurde in zwei unabhängige Firmen für Bogen- bzw. Rollenoffsetmaschinen aufgeteilt und deutlich verkleinert. Goss schloss 2013 sein Werk im französischen Montataire und beliefert seither europäische Kunden mit Neumaschinen, die in den USA montiert werden. Natürlich legte auch KBA seine Rollenmaschinensparte an einem Standort zusammen und schloss bzw. verkleinerte andere Werke.
Bei den Kunden lösten diese Nachrichten vor allem Überlegungen dahingehend aus, wie die Abhängigkeit von einzelnen Partnern beim Ersatzteil-Nachschub und Service künftig verringert werden kann.

EINEN PLATZ IM MARKT GEFUNDEN. Damit kein Missverständnis aufkommt: Fast alle diese Maschinenhersteller bieten nach wie vor ihr meist umfangreiches Maschinenportfolio an und versorgen ihre Kunden mit 24/7-Helplines, Ersatzteilen oder Retrofit-Paketen. Dennoch konnte sich das Unternehmen Printhouseservice inzwischen sehr gut etablieren. Nicht ganz zufällig hat PHS seine Hauptstandorte in Augsburg und Plauen, wo auf Grund von Personalabbau und Werksstilllegungen besonders viele qualifizierte Techniker zu Verfügung stehen. Aktuell beschäftigt PHS an den Standorten Augsburg, Plauen und Würzburg etwa 30 feste Mitarbeiter. Allerdings ist bei vielen Projekten ,,Netzwerken“ angesagt. PHS-Geschäftsführer Stefan Heßler und der Bereichsleiter Systemservice, Harald Klein, verfügen über umfangreiche Adressdatenbanken, um für jede Aufgabe den richtigen Spezialisten ausfindig zu machen.
lm Markt konkurriert PHS natürlich mit den Serviceorganisationen der Maschinenhersteller und der Steuerungsspezialisten ebenso wie mit ähnlich spezialisierten unabhängigen Serviceanbietern
"Wenn sie den Verleger nicht von einer Neuinvestition überzeugen können, dann müssen sie den Technischen Leiter für sich gewinnen. Der muss die bisherige Technik am Laufen halten."
Stefan Heßler, PHS-Geschäftsführer
und natürlich den Dutzenden von Wartungstechnikern und Instandhaltungsspezialisten, die sich selbstständig gemacht haben und meist als Einzelkämpfer zu sehr niedrigen Stundensätzen für ihre ,,alten” Kunden tätig sind.

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Stefan Heßler, Geschäftsführer der Printhouseservice GmbH (li.), und Harald Klein, Bereichsleiter Systemservice, reagieren mit ihren Dienstleistungen auf eine veränderte Markt-Nachfrage.
ZWEI SPARTEN. So ist PHS nun in zwei Sparten organisiert:
■ "Industrieservice" — zu dem beispielsweise die Übernahme aller Wartungsarbeiten in einem Betrieb durch PHS-Teams gehören kann — und
■ "Systemservice", worunter Revisionen, Inspektionen oder Reparaturen der Drucktechnik anderer Hersteller fallen.
Im Gegensatz zu den Ein-Mann-Firmen hat PHS auf Grund der Zugehörigkeit zur KBA-Gruppe Zugriff auf das komplette Spektrum des Druckmaschinenherstellers. Im Rahmen einer engen Zusammenarbeit mit den Konstruktionsabteilungen der Muttergesellschaft kann PHS beispielsweise Lösungen für Upgrades, Umbauten, Nachrüstungen und andere komplexe Aufgaben anbieten. Zudem ist PHS in Verbindung mit der KBA-Konstruktion und der hohen Fertigungstiefe des Maschinenherstellers in der Lage, auch kurzfristig komplizierte Ersatzteile zu fertigen.

DEUTSCHSPRACHIGER SERVICE. Der viele Jahre als Konstrukteur und später als Serviceleiter tätige Harald Klein erläutert gegenüber Deutscher Drucker: „Wir nutzen das Beziehungsmanagement. Mitarbeiter, die langjährigen Kontakt mit bestimmten Kunden hatten, sind dort auch heute noch gern gesehen. Vor allem spielt auch eine Rolle, dass deutschsprachige Kunden gern deutschsprachig bedient werden und nicht etwa per Hotline einen lnder oder Australier am Apparat haben wollen.“ PHS-Geschäftsführer Stefan Heßler ergänzt: „Wir können eben - im Gegensatz zu Freelancern - auch mal einen Zylinder nachfertigen lassen.” Solche Zylinder werden für Nicht-KBA-Maschinen „redesigned“. Außen, dort wo er im Lager steckt, ist er an die jeweilige Maschine adaptiert, innendrin ist ein KBA-Registersystem verbaut. Was macht PHS, wenn keine Unterlagen mehr vorhanden sind? „Im Zweifelsfall messen wir“, sagt Heßler, der viele Jahre für KBA als Bereichsleiter Montage und Werksleiter tätig war.

NACH LISTE. Manche Kundenbeziehung bei PHS ist aus kleinsten Anfängen gewachsen. Begonnen wurde beispielsweise einem Schmitzringtausch. Heßler: „Inzwischen wurden daraus bei verschiedenen Kunden Mehrjahresverträge für den schrittweisen Austausch aller Zylinder einer Maschine. Wir machen dort die Schmitzringkontrolle und -einstellung, die Lageranalysen und untersuchen speziell die Zylinderoberflächen. „So entsteht eine Dringlichkeitsliste und der Kunde kann sicher sein, dass die Maschine nicht wegen Zylinderschäden stillsteht. Mit Präventivuntersuchungen ist PHS ohnehin erfolgreich unterwegs. Für Falzwerk-Revisionen zum Beispiel stehen komplette Austausch-Module bereit.

NICHT NUR TAUSCHEN. Allein der Tausch von Teilen ist nicht immer die sinnvollste Lösung. Zum Beispiel, wenn ein Farbkasten kaputt geht, der 22 Jahre alt und mit einem durchgehenden Farbmesser ausgestattet ist. „Wenn man hier von einem Produktionszyklus zum nächsten aktuelle Technologie einbauen kann, die plötzlich das Einrichten beschleunigt, ohne dass ein Systembruch erfolgt - also die Steuerung des Originalherstellers weiterhin funktioniert — ist das ein Gewinn für alle.“
Dies ist ohnehin sehr wichtig für PHS: Man will nie so weit in die Maschine eines Herstellers eingreifen, dass dessen Remoteservice sich nicht mehr auskennt.
lm Bereich „Gummituchwaschanlagen-Retrofit“ ist PHS mit dem Partner Baldwin unterwegs. Heßler: „Das ist auch so eine Upgrade-Maßnahme, wenn etwa Bauteile für das aktuell verbaute System abgekündigt sind, die Maschinen aber noch weitere zehn Jahre laufen sollen“. Am Beispiel Waschanlagen bringt der PHS-Geschäftsführer den ROI-Faktor ins Spiel: „Sie bekommen heute als Technischer Leiter einer Druckerei keine Investition mehr ohne Wirtschaftlichkeitsrechnung durch. Das gilt auch für solche Waschanlagen. Also rechnen wir den Waschmittelverbrauch aus, die Waschmittel- und deren Entsorgungskosten und bringen den Lohnaufwand für die Reinigung der Drucktürme ins Spiel. Denn manche Waschmittel setzen den Maschinen böse zu. Da gehen Ventile kaputt, da werden elektronische Bauteile benetzt.“

DER WEBSHOP. PHS hat sein Dienstleistungsangebot zunehmend durch ein umfangreiches Ersatzteileangebot ergänzt. Um den Kunden das Leben zu erleichtern, wurde sogar ein Webshop für Ersatzteile eingerichtet, der inzwischen über 16 000 Positionen umfasst. Das Angebot darf freilich nicht mit dem unüberschaubaren Teilemarkt auf Internet-Plattformen wie Ebay verwechselt werden. Der PHS-Shop ist nur für etwa 200 bis 300 „zugelassene“ Kunden freigeschaltet. Wer hier bestellen will, wird von PHS erst einmal auf seinen speziellen Bedarf hin analysiert. „Wir nehmen das Unternehmen dann auf, wenn wir glauben, für diesen Kunden ein sinnvolles Angebot zu haben.“ Deshalb wächst das Teile-Lager auch anhand der speziellen Kundenbedürfnisse.
„Manchmal“, so erzählt Stefan Heßler, „werden von Druckereien teure Ersatzteile bestellt, obwohl es eine neue Dichtung auch tun würde. Nur: diese Dichtung muss eben auch solo erhältlich sein. Wir sind so ehrlich und bieten so etwas an.“

VERLAGERUNGEN UND RETROFITS. PHS kümmert sich auch um komplexe Projekte wie etwa Maschinenverlagerungen inkl. Projektmanagement, ebenso um Demontage, Transport, Remontage, Wiederinbetriebnahme und Produktionsbegleitung. So wurde eine Zeitungsrotation von Weingarten nach Frankfurt/Oder umgezogen. Im immer wichtiger werdenden Elektronikbereich werden die PHS-Techniker auch als „Trouble-Shooter“ eingesetzt. Hard- und Software-Retrofits für Elektronik-, Sicherheits- und Ethernet-Komponenten sind ein wesentlicher Teil des Leistungsangebots.
Kernfokus von PHS ist Zentraleuropa, man ist aber auch in Skandinavien, England oder Spanien unterwegs. Dank einer guten Vertretung vor Ort gab es aber auch Auftrage aus Südafrika, zum Beispiel für Falzwerkrevisionen. Und nicht zuletzt der osteuropäische Markt hat es PHS angetan.
Zu schnell wachsen wollen die Würzburger Dienstleister nicht. Oder sich gar an einzelnen Großaufträgen „verschlucken“. Dennoch betreibt man inzwischen aktive Vertriebsarbeit: Bei mehreren Workshops im D-A-CH-Raum hat PHS bereits sein Leistungsportfolio präsentiert und auch bei der kommenden World Publishing Expo in Hamburg ist PHS ein wichtiger Teil des Portfolios der KBA-Gruppe.

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Gerd Bergmann (Quelle: Deutscher Drucker, Nr. 18, 17.9.2015, print.de)